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Wie alles begann

Eigentlich war ich immer zwider2.1, wenn ich von einem Mädchen einen Korb bekam. Das war nicht oft der Fall. Aber es traf zu, daß ich von jedem der süßen Geschöpfe eine Abfuhr erhielt. Außer von jenen, von denen ich eigentlich nichts wollte. Darum frage ich mich immer wieder, ob diejenigen, die früh eine zufrieden stellende Beziehung haben, einfach mehr Glück haben, oder ob sie einfach die/den erstbeste/n genommen haben. An mir kann es wohl nicht liegen. Es mag sein, daß ich vielleicht nicht zu jedem Lebensabschnitt frisch gewaschen und gepflegt war. Und daß meine Manieren dem Umständen entsprechend waren, kann mir wohl niemand übelnehmen. Aber wie soll man sich zum Besseren wenden, wenn man das Schlechte nicht kennt?

Mein erster Lebensabschnitt, sagen wir die ersten 25 Jahre, waren im Großen und Ganzen nicht gerade das, was man eine unbeschwerte Kindheit nennt. Ich will mich jetzt nicht darüber auslassen, aber sie hat mich sehr geprägt, und in mir den Sinn für Humor gebildet. Genau genommen ist es eher ein Galgenhumor, der das Leben doch sehr erleichtert. Ich bin nur gespannt, wie ich reagiere, wenn ich überfallen werde und mein Leben bedroht ist. Meine Selbstverteidigung wäre sicherlich wirksam -- ich würde den bösen Buben einfach totlachen. Eigentlich erleichtert dieser Humor nur mein Leben, ich fürchte fast, daß ich damit das Leben anderer doch etwas erschwere, und sei es nur auf die Art, daß sie die Leichtigkeit meines Seins nicht ertragen können. Aber nichts desto trotz finde ich, daß die Menschen viel glücklicher wären und besser miteinander auskommen können, wenn sie lachen können -- vor allem über sich selber.

Ich möchte nur kurz meinen Hintergrund schildern, damit der geneigte Leser (man stelle ihn sich bildlich vor!) sich eine Vorstellung machen kann, von welcher Person in diesem Buch die Rede ist.

Zur Welt kam ich in Kärnten, das sicherlich wunderschön ist, nur als kleines Kind kennt man den Unterschied nicht. Dort passierte auch das Müllauto-Dilemma. Mit sieben zog ich in die Steiermark, in eine kleine Industriestadt im Mürztal mit 27.000 Einwohnern, deren Name ich aus Angst vor Repressalien geheim halten will. Mein Vater kam auch mit.

Ein Erlebnis, das ich immer wieder erzähle, wenn mich Leute ,,singen`` hören, ereignete sich dort: Meine Eltern kamen auf die Idee, ich sollte die Musikschule besuchen. So ging ich ein Jahr in die Kapfenberger Musikschule in den Gesangsunterricht und anschließend quälte ich mich durch ein Jahr Klavierunterricht, in dem endgültig festgestellt wurde, daß ich sicher begabt war. Nur wußte man nicht worin. Also keine Musikschule mehr. Es dauerte nicht lange, daß meine Weichen für meinen weiteren Lebensweg gestellt wurden.

Es waren die frühen 70er Jahre und damals gab es in manchen Gasthäusern und Hotels bereits Farbfernsehgeräte. Damals ging man wirklich weg zum Fernsehen. Das Programm mußte wohl auch besser sein. Wir hatten eigentlich überhaupt kein Fernsehgerät. Darum war es eine äußerst freudige Überraschung, als daheim plötzlich ein nigelnagelneues Farbfernsehgerät stand. Und ich erinnere mich genau: Ich war begeistert von dieser Technik. Damals lernte ich voller Stolz, daß unser Fernseher schon viele Transistoren hatte und nur mehr wenig Röhren. Mich faszinierte diese Vorstellung weit mehr als der Gedanke daran, daß wir in unserem Haus --ich wohnte in einem nigelnagelneuen Hochhaus, dem höchsten dieser Stadt-- die ersten waren, die einen Farbfernseher hatten. Die ersten von fünfzig Haushalten. Das ist auch der wesentlichste Unterschied zwischen Buben und Mädchen. Die Mädchen sind begeistert von der Tatsache etwas zu haben, was die anderen noch nicht haben. Während mich das nur peripher tangierte. Hauptsache, es steckt eine neue und vor allem elegante Technik dahinter. Elegant --, das ist das Schlüsselwort. Und man beachte die Steigerungsform: elegant--eleganter--ganter. Dieses ,,Ganter`` wird mich noch das ganze Leben verfolgen. Sollte ich dieses Buch unter einem Pseudonym veröffentlichen, so sei verraten: mein richtiger Name ist ...Ganter, wie sonst. Vielleicht werden Sie sich fragen: ,,Was ist das für ein Mensch, der mir zumutet diesen literarischen Schund zu lesen, und wozu soll das gut sein und überhaupt, was ist eigentlich seine Muttersprache`.

Nun, die Antwort auf die erste Frage: Ich weiß es nicht. Aber vielleicht kommen wir zusammen dahinter, was für ein Mensch ich bin. Sollte ein positiver Eindruck zurückbleiben, so lassen Sie es mich wissen. Sollten Sie jedoch nicht sonderlich von mir begeistert sein, dann ist es an der Zeit, daß Sie Ihre Irrmeinung überdenken. Man sollte die Schuld immer zuerst bei sich selbst suchen. Also, tun Sie es!

Was die beiden verbleibenden Fragen betrifft, so kann ich nur sagen, daß ich es nicht weiß.

Nachdem ich nun ihre Fragen hinreichend beantwortet habe, würde ich gerne mit meiner Geschichte fortfahren.

Bevor ich in dieses nigelnagelneue Hochhaus zog wohnte ich im ersten Hochhaus das jemals in der Steiermark gebaut wurde. Dieses Hochhaus fand auch Eingang in die zeitgenössische Literatur. Hier der betreffende Ausschnitt aus dem Leben Hödelmosers [2]:

die steirischen VERNIEDLICHUNGSTENDENZEN, die natürlich im gesamtösterreichischen kontext betrachtet werden müssen, haben ihren ursprung in der verniederung des steirischen wohnbaus, der sich immer mehr in die tiefe, d.h. in den boden begibt. so erinnere ich mich noch persönlich an die vielen proteste aus der ganzen landesbevölkerung, als in den 50erjahren in unserem jahrhundert das erste steirische hochhaus in kapfenberg gebaut wurde, zu dessen beschimpfung man scharenweise nach dort pilgerte. aufgrund dieser architektonischen tatsache zählt kapfenberg heute zu den meistbeschimpften städten der steiermark. (schon 20 jahre später frischte der grazer ,,kultur``-verein forum stadtpark diesen ruf auf, indem er ein hiesiges gebäude zu schändlichen zwecken für kurze zeit mietete; der protest gegen kapfenberg weitete sich seit damals auf ganz österreich aus.)

Am Ende der vierten Klasse Volksschule mußten sich die Eltern entscheiden, welche Schule der kleine Knirps weiter besuchen sollte. Da standen, dank meiner bereits früh einsetzenden Intelligenz, Hauptschule und Mittelschule zur Auswahl. Wie wird eigentlich bei mir hauptsächlich entschieden, wird reichlich überlegt, wird mit anderen darüber gesprochen? Nun, schon damals zeigte sich wie Klein-Fritzi solch überaus wichtigen Entscheidungen trifft:

Irgendwann gegen Ende des Schuljahres fragten mich meine Eltern, ob ich mich nicht irgendwie für die Mittelschule anmelden müsse. ,,Ja,`` sagte ich, ,,da hättet ihr einen Zettel ausfüllen müssen, ich habe ihn in der Schultasche`. Worauf ich eilends den Zettel brachte, den ich erst kürzlich erhalten hatte und ihn artig übergab.

Nachdem ich von der Watsche2.2 wieder ins Leben zurückgekehrt war konnte ich mir einiges anhören: ,,Seit einem halben Jahr schleppst du ihn herum ...eine Frechheit...die Anmeldefrist ist schon lange vorbei! Ab ins Zimmer und wage dich heute nicht mehr heraus` und so weiter und so fort. Es hätte ja sein können, daß der Zettel rechtzeitig entdeckt worden wäre, oder daß ich mir aus irgendwelchen Gründen doch die Mühe gemacht hätte, dieses Schreiben den Eltern zu überreichen. Aber sich rechtzeitig um etwas zu kümmern war nie meine Stärke, und wird es wohl auch nie sein. Rückblickend meine ich aber, daß meine damalige Entscheidung die Hauptschule zu besuchen, die ich eleganter nicht hätte treffen können, sich für meine geistige Entwicklung sicher vorteilhaft ausgewirkt hat. Wobei ich allerdings unter geistiger Entwicklung die Zeit ab dem 20. Geburtstag verstehe. Vorher entwickelte ich mich nicht, sondern wuchs auf. Ich war damals eigentlich nie ein ,,weit-voraus`` Denker. Jedoch änderte sich meine Einstellung, daß ich von einem Tag auf den anderen lebte. So ab dem Alter von zarten 18 Jahren trug sich dies zu, und ich lebte fortan von einer Mahlzeit zur nächsten, außer es ging mir mies. Dann lebte ich von einer Zigarette zur nächsten.

An meine Hauptschulzeit erinnere ich mich kaum, es gibt auch kaum etwas, was den geneigten Leser interessieren könnte. Vielleicht nur die Tatsache, daß es sich zeigte, daß ich nicht als ,,Fritz der Kämpfer`` in die Geschichte eingehen würde. Ich wurde einmal irgendwie, der Grund ist mir entfallen, in einen Streit verwickelt. Unschuldig natürlich. Damals war ich so ungefähr 12 Jahre alt und hatte maximal 20% meines jetzigen Gewichtes. Ich war also recht hager und schon von der Statur her nicht sonderlich furchteinflößend. Nun, man traf sich nach der Schule um diesem Kerl eine Lektion zu erteilen. Er soll zu spüren bekommen, was es heißt, sich mit einem Fritz anlegen zu wollen. Nun ja.

In meiner Jugend war ich ja nie gerade der Tapfere, sonst würde ich ja Siegfried heißen. In dieser --meiner ersten-- Rauferei lernte ich zweierlei: Zum einen sollte man sich nicht mit einem anderen anlegen wenn er nicht mindestens zwei Köpfe kleiner ist als man selbst, und zweitens kann man sich durch geschicktes Schmeicheln elegant --ohne viel Dresche zu bekommen-- aus der Affäre ziehen. Das war auch ein Punkt an dem ich erkannte, daß meine Stärken viel mehr im intellektuellen Bereich zu suchen wären. Sie dort bereits zu finden wäre unangebrachter Optimismus. Aber diese Schlußfolgerungen konnte ich wohl damals noch nicht ziehen, denn kleine Kinder bewundern eher die Kraft eines ,,Quai Chang Chain`` als dessen innere Reife, Ruhe und Ausgewogenheit. Oder eher die Schnelligkeit des Jim McLean aus ,,Westlich von Santa Fe`` als die Weisheit seines Lebens, die er versucht, seinem Sohn weiterzugeben.

Ein positives Ereignis das sich in den 70ern ereignete war die Geburt eines Wesens in einem kleinem Tal in Kärnten. Damals konnte noch niemand absehen, das dieses süße Mädchen, das da auf die Welt kam, mich 20 Jahre später so beeindrucken würde.

Aber ich habe bemerkt, daß manche Leute Schwierigkeiten mit der Interpretation selbst simpelster Märchen haben. Für diese geschlauchten Existenzen habe ich nun eine Hilfe.

Hier nun einmal die Originalversion, wie sie in [3] wiedergegeben wird, für diejenigen die sie nicht kennen oder sich nur noch dunkel daran erinnern können. Danach folgt die wahre Geschichte.


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Fritz Ganter
2001-06-10